Eine Osterhasengeschichte

Anne und Jan waren mit ihren Eltern zu einem Waldspaziergang unterwegs. Erst hatten die Kinder keine rechte Lust, sondern wollten lieber in der warmen Wohnung bleiben und Fernsehen gucken. Als sie sich dann aber aufgerafft hatten, machte es ihnen sogar Spaß. Es war ein Tag vor Ostern. Die Sonne lachte vom Himmel, aber es war noch recht kalt.

Einige Blumen waren schon zu sehen. An manchen Stellen fanden die Kinder Moos. Davon nahmen sie etwas mit, um für den Osterhasen ein Nest zu bauen. Sie rechneten damit, dass der Osterhase in einem schönen Nest besonders viele Schokoladeneier hinterlassen würde. Wie gut, dass die Mutter einen Rucksack dabei hatte und eine Plastiktüte. Sie stöhnte zwar jedes Mal, wenn sie den Rucksack vom Rücken nehmen musste, um wieder etwas hineinzustopfen, aber andererseits war sie froh, dass die Kinder mitgekommen waren und sich so gut beschäftigten.

Als die Kinder meinten, dass sie nun genug Moos hatten, langweilten sie sich zunächst, bis Anne meinte, sie sollten doch "Pferd" spielen. Sie wollte das Pferd sein und Jan sollte sie einfangen. Zuerst erschien das Jan etwas albern, erinnerte es ihn doch an die Kindergartenzeit, wo die Mädchen immer "Pferd spielen" wollten. Er ging ja nun in die Schule, da würde er sich doch nicht mit Kindergartenspielen abgeben? - Nach einer Weile doch. Anne bekam einen kleinen Vorsprung und Jan eilte hinterher. Anne war sehr flink und sprang über umherliegende Äste und Zweige. Jan hatte ganz schön Mühe, ihr zu folgen. Das lag zum Teil daran, dass er seine neuen Schuhe angezogen hatte und die nicht gleich dreckig machen wollte.

Irgendwann hatte er es dann doch geschafft, Anne war gefangen. Jan hob einen großen, biegsamen Weidenzweig vom Boden auf und fühlte sich mit dieser Peitsche in der Hand richtig mutig. "Hü, Pferd", rief er und gab Anne einen leichten Schlag mit der Peitsche. Das Pferd setzte sich gleich in Bewegung, aber nicht in die richtige Richtung, sondern noch weiter in den Wald hinein. "Halt, Pferd", rief Jan und wurde fast ein wenig wütend. Das Pferd sollte ihm doch wohl besser gehorchen. Trotzdem nahm er die Verfolgung auf. Diesmal dauerte es nicht lange und er hatte seine Schwester erwischt. Er packte sie am Anorak und schlug etwas fester mit der Peitsche. "So, Pferd, nun aber ab nach Hause!"
Anne blickte sich um und erkundete eine Fluchtmöglichkeit. Urplötzlich riss sie sich los und lief wieder davon, Jan, nun noch etwas wütender, rannte hinterher. Zu allem Überfluss fiel er über einen querliegenden Ast. Nun hatte er keine Lust mehr auf das blöde Pferdespiel. Die Eltern waren auch schon recht weit weg.

Wie er sich wieder hochrappelte, entdeckte er, dass der Ast doch wesentlich größer war, als es zuerst den Anschein hatte. Wie er mühsam aufgestanden war, schaute er sich um und versuchte zu ergründen, von welchem Baum der Ast wohl gefallen war. Von der dicken Eiche? Nein! Von der Buche dahinten? ...könnte sein. Überhaupt sah die Buche geheimnisvoll aus. Außerdem schien sie bei dem letzten Sturm oder einem Gewitter gelitten zu haben. Sie stand etwas schräg und sah zerzaust aus. Jan ging etwas dichter heran. Nun sah er, dass der Baum hohl war. Er winkte seine Schwester heran, die zuerst dachte, es wäre nur ein übler Trick, um sie besser fangen zu können. Doch sie kam dann doch.

Gemeinsam entdeckten sie, dass der Baum nach oben und nach unten hohl war. Jan wollte laufen und es den Eltern erzählen, aber Anne wollte den Baum sofort untersuchen. "Guck mal, da sind Stufen, die nach unten führen, aber nach oben führen keine", sagte sie. Kaum hatte sie das ausgesprochen, da stieg sie auch schon in den Baum hinein, ohne auf ihren Anorak Rücksicht zu nehmen, der von der feuchten Baumrinde ganz schmutzig wurde. Sie stieg tiefer und tiefer hinein. Ihre Stimme klang ganz fremd und gespenstisch, als sie ihren Bruder rief: "Komm, hier ist eine Tür". Jan wollte nun nicht länger allein oben bleiben und stieg auch in den Baum hinein. Anne hatte inzwischen die Tür geöffnet und rief ihren Bruder: "komm, hier ist eine Werkstatt, eine Osterhasenwerkstatt!".
Jan konnte das kaum glauben, aber folgte ihr trotzdem. Schon stand auch er in der Werkstatt. Sie war über und über voll mit Eiern, mit fertig bemalten und mit teilweise bemalten Eiern, aber auch mit einem großen Korb voller Eier, die noch überhaupt nicht bemalt worden waren. Da würde der Osterhase noch viel Arbeit haben!
"Wir können dem Osterhasen helfen", dachte sich Anne und nahm auch gleich einen Pinsel in die Hand und begann, ein besonders großes Ei zu bemalen. Jan folgte ihr zögernd. Er malte nicht so gerne, nahm deshalb ein kleineres Ei und bemalte es mit schnellen Strichen. "Ein wenig mehr Mühe könntest Du dir ruhig geben", bemerkte Anne, "ich dachte immer, Schulkinder können besser malen!".
Das kränkte Jan. Beim nächsten Ei gab er sich mehr Mühe. Die beiden Kinder waren so in das Malen vertieft, dass sie nicht hörten, wie jemand aus dem hinteren Teil der Werkstatt kam. Die Tür hatten sie gar nicht bemerkt! Auf einmal wurde sie knarrend aufgestoßen und der Osterhase stand vor ihnen. Er war wesentlich größer als ein normaler Hase, fast so groß wie Jan. Er schien schon älter zu sein, denn er trug eine altmodische Brille. Eine bekleckerte Latzhose hatte er an und einen roten Pullover, der auch schon einmal bessere Tage gesehen hatte.
"Was macht ihr denn da?" frage er zornig und dann: "und wie seid ihr hier reingekommen?"
"Wir sind..., wir wollten...., wir haben...".

"Nun sag schon", trieb er zur Eile an. "Wir sind in den Baum gestiegen", sagte Jan, "wir wussten nicht, dass das verboten ist".
"Verboten ist gar kein Ausdruck", sagte der Osterhase, "es ist viel schlimmer.
Die Treppe ist nun durch einen Zauber versperrt. Ihr müsst nun auch eine gewisse Zeit als Osterhase hier leben und Ostereier bemalen". Anne hielt das für einen Scherz und sah nach dem Ausgang und den Stufen, doch die waren inzwischen verschwunden. Staunend erblickte Anne auf einmal, dass die Werkstatt Fenster hatte. Sie warf einen Blick hinaus und sah ein Dorf mit lauter kleinen Hütten und Werkstätten. Es war ein Rennen und Hin- und Hertragen zwischen den Hütten. Farbeimer wurden geholt, Farbeimer wurden gebracht - und Eier.
Viele Hasen waren bei der Arbeit, alle hatten eine bekleckerte Latzhose an und man konnte ihnen ansehen, dass sie wohl schon längere Zeit gemalt hatten.
"Wir haben gar keine Arbeitskleidung", sagte Anne triumphierend, "wir können gar nicht hierbleiben, selbst wenn wir wollten". Der Osterhase lächelte milde. Er ging an einen Schrank, zog zwei Latzhosen und zwei Pullover heraus und gab sie den Kindern. "Nun seid ihr bereit!"
Widerstrebend zogen Anne und Jan die Hosen an. Da half wohl kein Jammern, sie flüsterten miteinander. Sie wollten ein wenig mitarbeiten und bei der nächstbesten Gelegenheit davonlaufen.

Als Jan sein Bein in die Hose steckte, bemerkte er allerdings, dass ein bloßes Davonrennen ihnen wenig nutzen würde. Ein Zauber musste sie verändert haben, ihnen war ein Fell gewachsen, das Gesicht veränderte sich - und die Ohren wurden groß und immer größer.
"Das liegt bestimmt an Dir", lachte Jan, "wo Papa Dich doch manchmal 'Hasenzahn' nennt. Nun bekommt er einen ganzen Hasen, wenn wir es bis nach Hause schaffen sollten".
Anne war nicht zum Lachen zumute, eher schon zum Weinen. Trotzdem ließ sie sich vom Osterhasen zeigen, was zu tun war. Sie dachte sich, dass sie die Arbeit möglichst schnell hinter sich bringen wollte - danach wären sie bestimmt wieder frei.

Jeder bekam einen großen Korb mit Eiern, die alle zu bemalen waren. Am Nachmittag war die Arbeit endlich erledigt. Sie dachten, nun könnten sie gehen, aber der Osterhase kam mit einem neuen Korb voller Eier. Auch die sollten bemalt werden. "Da haben wir noch die ganze Nacht zu tun", schimpfte Anne, "und morgen ist Ostern, ich wollte doch noch ein Nest für die Ostereier bauen".
"... und Mama und Papa werden uns auch schon suchen", rief Jan - und zum Osterhasen: "lass uns bitte gehen".

"Nein", sagte der Osterhase, "die Arbeit ist noch nicht beendet".

Spät in der Nacht, sie konnten kaum noch die Augen aufhalten, waren endlich alle Eier angemalt. Jan wollte seine Hose ausziehen und gehen. "Halt, hiergeblieben", sagte der Osterhase, "Du bekommst eine saubere Hose und einen Korb, nun geht es ans Austeilen der Eier!"

"Oh nein", stöhnte Jan, aber dann hielt er auch schon die frische Hose in der Hand und zog sie an. "Das ist die Gelegenheit", flüsterte Anne, "bei der ersten Möglichkeit hauen wir ab".

Die Kinder bekamen einen großen Korb auf den Rücken geschnallt, auch der Osterhase staffierte sich so aus. Dann forderte er die Kinder auf, zum Versammlungsplatz mitzukommen. Neugierig folgten Anne und Jan ihm. Schnell hatten sie den Versammlungsplatz erreicht. Hunderte Hasen mit Körben warteten dort auf ihren Einsatz. Eine Glocke ertönte und es kam ein großer, buntbemalter Bus, das "Hasenmobil". Alle stiegen ein, es war Platz für jeden. Die Körbe mussten allerdings auf das Dach gelegt werden. Der Hasenbusfahrer spannte ein großes Gepäcknetz über die Körbe. Das war auch notwendig, denn er fuhr sehr schnell und ging sogar mit hoher Geschwindigkeit in die Kurven. Ein Wunder, dass alle Körbe oben bleiben. An manchen Stellen hielt der Bus an und ein paar Hasen stiegen aus. Der Busfahrer händigte ihnen den Korb aus und verabschiedete sie.

Nach einer Weile waren bereits sehr viele Hasen ausgestiegen, Jan und Anne saßen aber immer noch auf ihren Plätzen. Als Jan hinausblickte, sah er, dass er in dieser Gegend schon einmal gewesen war. Er kannte sogar eine Abkürzung - einen schnellen Weg nach Hause. "Nun seid ihr dran". Der Osterhase gab dem Fahrer ein Signal und dieser hielt an. Jan und Anne bekamen den Osterkorb umgeschnallt und wurden verabschiedet. "Und wann..." Anne konnte ihre Frage nicht zu Ende bringen, da war der Osterhase schon eingestiegen und fuhr mit den anderen verbliebenen Hasen weiter.

"Wie gut, dass es noch früh ist", sagte Anne zu ihrem Bruder, "es wäre mir sehr peinlich, wenn meine Freundinnen mich so sehen können". Jan erging es ähnlich. "Na, dann komm, wir wollen uns beeilen". Schon ging er in das erste große Mietshaus und verteilte die Eier. Anne war wenig später im Nachbarhaus unterwegs. Danach waren mehrere Einfamilienhäuser dran. Sie näherten sich ihrem Wohngebiet und freuten sich schon auf ihr Zuhause.

"Gleich sind wir fertig", dachte sich Jan und hoppelte über den Rasen eines großen Hauses. Er war ganz in Gedanken. Hier war doch mal??? Ja, hier wohnte er leider immer noch, der große, bissige Kettenhund! Der schnupperte, knurrte, bellte und - und dann kam er auch schon aus seiner Hundehütte rausgrannt. Jan entfernte sich so schnell, wie es ihm mit dem großen Korb auf dem Rücken möglich war.
Gerettet! ... aber die Eier für dieses Haus? Sie mussten sicherlich in jedes Haus Eier bringen, wenn sie wieder zurückverwandelt werden wollten...
Anne kam ihm zu Hilfe. "Ich lenke den Hund ab", sagte sie, "und dann gehst Du schnell an die Haustür und legst die Eier hin".

So machten sie es. Wie gut, wenn man eine mutige Schwester hat! Anne traute sich ziemlich dicht an den Hund heran. Sie hatte vorher, als er hinter Jan hergelaufen war gesehen, wie weit die Kette ihn zurückhielt.
Sie hielten den Atem an - und es klappte. Der Hund schien noch müde zu sein - oder lag es daran, dass Anne ihm ein Schokoladenei zugeworfen hatte? Jedenfalls knurrte er nur und rasselte mit der Kette, bleib aber liegen. Jan konnte ungefährdet die Eier vor die Tür legen. Nun hatten sie nur noch 3 Lieferungen zu erledigen. In manchen Häusern roch es schon nach Kaffee - in anderen hörten sie Kinderstimmen: "Schaut mal, der Osterhase war da!"

Endlich standen sie vor dem eigenen Haus. Ob die Eltern schon wach waren? Oder ob sie die Kinder noch suchten? Jan und Anne legten die Eier vor die Tür in die Nester, die jemand aus Moos gebaut hatte. "Nette Idee, Nester aus Moos", dachte sich Anne.

Sie stellte den großen Korb ab und war froh, das sperrige Ding nicht nehr auf dem Rücken zu haben. Sie betrachtete ihren Bruder und jubelte: "Deine Ohren schrumpfen, Dein Fell verschwindet!" "Bei Dir auch", antwortete Jan, wir sind wieder wir!"

Die Kinder sahen, dass die Haustür ein kleines Stück offen war. Vorsichtig schlichen sie hinein. Welch ein Glück, keiner war zu sehen. Sie gingen fast lautlos in ihre Zimmer und legten sich in die Betten, die Bettdecke bis zu den Ohren hochgezogen, denn ein wenig Hasenfell war noch zu sehen.

Es dauerte nicht lange, da rief der Vater von draußen: "aufstehen, ihr Schlafmützen, sicherlich war der Osterhase schon da!"

"Wir sind noch sooo müde" riefen Jan und Anne wie aus einem Munde. Als die Mutter aber ins Zimmer kam und sie zum Frühstück abholte, da war das letzte Stückchen Fell verschwunden.

"Schaut doch mal in die Nester draußen", rief der Vater, "wer am meisten hat, gibt mir bitte etwas ab!"


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