Die silberne Murmel

Wir lebten  in einem sehr alten Haus. Es war in früheren Zeiten eine Meierei gewesen, wurde aber schon lange nicht mehr zur Milchverarbeitung genutzt.  So gab es in diesem Haus eine Wohnung und viele Nebengelasse. Für uns Kinder war es herrlich, dort zu spielen. Und was konnten wir dort alles entdecken? Wir fanden Aufzeichnungen aus alten Tagen und ein riesiges Buch, das wie ein Zauberbuch aus dem Märchen aussah. Ich fragte meine Mutter, was das für ein Buch sei, aber sie hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern. "Frag Deinen Bruder," sagte sie, "er geht doch schon in die Schule und kann gut lesen". Leider war die Schrift in dem Buch so alt und fremdartig, daß mein Bruder sie nicht entziffern konnte. "Gehen wir doch zu Opa," sagte er, "der kann das bestimmt lesen".

So war es dann auch. Opa war immer froh, wenn er uns einen Gefallen tun konnte. Seit er auf Rente war und in seinem Betrieb nur noch selten vorbeischaute, war ihm oft recht langweilig. So störten wir ihn nicht mit dem großen alten Buch, sondern weckten gleich sein Interesse. "Ihr werdet es nicht glauben", sagte er, "das ist ein Anleitungsbuch zum Herstellen von allerlei Mixturen. Man soll, wenn man sich genau an die Anleitung hält, Flugpulver und Kleinverzauberungspulver herstellen können".

Das wollten wir natürlich nicht glauben. ... aber interessant erschien es uns schon, es einmal auszuprobieren. "Was braucht man denn für das Kleinverzauberungspulver?" Opa las es uns vor. Es waren nicht einmal so viele Zutaten, alle in der Apotheke zu bekommen. ...und ich hatte noch Taschengeld. Mein Bruder, der schon etwas älter war, wollte nicht mitmachen, denn er hatte sich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft zum Spielen verabredet.

"Die Zutaten wirst Du wohl nicht allein bekommen", sagte Opa, "ich werde mal nachher rübergehen und sie für dich holen. Hast Du das Geld?"
Ich gab ihm das Geld und er versprach, mir die Sachen bis zum Abend zu bringen. Dann bekamen wir Besuch und ich vergaß die Angelegenheit fast. Unser Besuch, eine frühere Arbeitskollegin meiner Mutter, brachte mir sogar ein Geschenk mit, eine silberne Murmel. So etwas schönes hatte ich noch nie gesehen. Zwar besaß ich Murmeln in vielen Farben und Größen, wohl auch einige aus Glas, aber diese silberne Kugel war etwas ganz besonderes. Ich ging in mein Zimmer und holte den Beutel mit den anderen Murmeln hervor. Ich ließ sie in meiner Handfläche kreisen und spielte dann mit ihnen auf dem Fußboden. Eine Murmel wurde etwas weiter weggestoßen und ich versuchte mit den anderen Murmeln, möglichst dicht heranzukommen. Ich hoffte natürlich, meine neue silberne Murmel würde gewinnen! Weil der Teppich einen freien Lauf der Murmeln verhinderte, mußte ich recht viel Schwung geben. ... leider bei meiner neuen Murmel etwas zu viel. Sie rollte am Ziel vorbei, rollte weiter über den Teppich, kullerte dann über den Holzboden ... und ... und rollte auf ein Mauseloch zu, das sich in der Fußleiste befand und rollte mit letzter Kraft in das Mauseloch hinein!

Zunächst versuchte ich, die Murmel mit den Fingern zu erreichen, aber es war vergeblich. Dann versuchte ich es mit einem Bleistift, aber die Kugel rollte nur noch weiter in das Mauseloch hinein. Ich ging zu meinem Vater, der inzwischen von der Arbeit gekommen war. Er hörte sich an, was ich ihm erzählte, lachte dann und sagte: "Dann mußt Du wohl selbst in das Mauseloch hineingehen und die Murmel wieder herausrollen!" Zuerst ärgerte ich mich über seine Antwort, aber dann fiel mir ein, dass doch eigentlich mein Opa mit den Zutaten für das Kleinverzauberungspulver kommen wollte. Ich guckte aus dem Fenster und konnte fast bis zur Apotheke hinübersehen, aber meinen Opa sah ich nicht. Wo er nur blieb? Dann kam er endlich. Er war noch beim Kaufmann gewesen und hatte sich Tabak gekauft. Ich sah es daran, daß seine Pfeife, die nun schon zwei Tage ruhte, wieder qualmte.
Wie versprochen, lieferte er mir die Zutaten ab. Er tat sogar noch mehr, las er mir doch noch einmal die Anleitung vor. Ich maß alles in der richtigen Reihenfolge und Menge ab und rührte um. Dann sollte das Pulver an einer dunklen kühlen Stelle einen Tag stehen, um seine ganze Wirksamkeit zu entfalten. Ich brachte es hinunter in die ehemalige Butterkammer, die inzwischen nur noch zum Aufbewahren der Gartengeräte genutzt wurde. Hier sollte das Pulver bis zum nächsten Tag sicher sein, heute würde bestimmt keiner mehr in den Garten gehen, um zu arbeiten!

Ich konnte den nächsten Tag kaum erwarten. Die Stunden vergingen schleppend. Mich interessierte die Gute-Nacht-Geschichte kaum, die meine Mutter uns vorlas und wälzte mich später im Bett oft hin und her und konnte nicht einschlafen. Doch irgendwann, es war schon fast wieder Morgen, schlief ich schließlich ein.
So wachte ich spät auf, aber das machte ja nichts, ich mußte nicht in die Schule, sondern nur meine Mutter zum Kaufmann begleiten. Mittags kam mein Bruder aus der Schule, aber er wollte vom Zauberpulver nichts wissen und lachte mich aus. "Und außerdem," sagte er, "bin ich nachmittags mit Hans zum Angeln verabredet. Das mit dem Zauberpulver mußt Du schon ganz allein ausprobieren!"

Doch bevor ich nach unten in die Butterkammer ging, um das Pulver zu holen, bat ich meinen Opa, mir vorzulesen, wie man seine ursprüngliche Größe zurückerhalten sollte. "Ganz einfach," sagte mein Opa, "man streut einfach noch einmal etwas Zauberpulver über sich, dann wird man so groß, wie man vorher gewesen ist!"
So, da konnte eigentlich nichts schief gehen. Ich holte den Meßbecher mit dem Zauberpulver und streute ein paar Krümchen über mich. Doch nichts passierte. Ich nahm etwas mehr Pulver ... aber wieder passierte nichts. Ob ich einen Fehler gemacht hatte? Ich überlegte noch einmal. Ja richtig, ich hatte das abschließende gründliche Umrühren des Pulvers vergessen. Ich holte aus der Küche einen Kochlöffel und rührte und rührte. So, daß mußte nun wohl endlich genügen!
Wieder streute ich Zauberpulver über mich ... und diesmal gelang es. Ich wurde kleiner und kleiner und bald war ich so klein wie die Spielfiguren, mit denen ich manchmal spielte. Ob ich so in das Mauseloch paßte? Ich stapfte über den Teppich und es war für mich eine lange Wanderung, weil ich so klein war. Jede kleine Unebenheit auf dem Teppich machte mir zu schaffen, es war fast, als ob ich einen dichtbewachsenen Waldweg entlangging. Endlich erreichte ich das Mauseloch und schlich vorsichtig hinein. Hinten in der Ecke sah ich die silberne Murmel. Die hätte ich wohl nie mit einem Bleistift oder einem Stock erreichen können, sie hatte sich verklemmt. Nun erst interessierte mich das Mauseloch genauer. Es sah innen fast wie eine kleine Wohnung aus. Es gab kleine Schränkchen, Stühle und einen Tisch, fast wie in einer Puppenstube. Es schien sogar mehrere Zimmer zu geben, denn ich sah Türen, die verschlossen waren. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und öffnete die erste Tür. Oh, das war bestimmt ein Schlafzimmer, aber es war leer, das Bett war sauber und ordentlich zusammengelegt, wie meine Mutter es auch immer machte. So ging ich wieder hinaus und öffnete die andere Tür. Eine erschrockene große Maus saß auf einem Stuhl und schien gerade geweint zu haben, Tränen standen ihr noch im Gesicht. Ob ich sie geängstigt hatte mit meinem Kommen? Ich wollte sie beruhigen und sagte etwa von meiner silbernen Murmel, ohne Hoffnung, daß sie mich verstehen würde, aber sie lächelte kaum merklich unter ihren Tränen und sagte: " Ich habe keine Angst vor Dir, das mit der Kugel ist schon in Ordnung. Ich wollte sie auch schon wieder aus unserer Wohnung herausrollen, aber ich habe es nicht geschafft." Und nun sah ich, warum sie geweint hatte. In dem kleinen Bettchen, an dessen Seite sie Wache hielt, schlief eine kleine Maus, die sehr krank aussah. "Schon seit Tagen ist mein kleiner Sohn krank," weinte die Maus und Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Er hat hohes Fieber. Ich habe schon alles versucht, aber keine Medizin aus meinen Medizinflaschen hat ihm geholfen. Bestimmt wird er bald sterben!"

jubi Kopie.jpg (30543 Byte)Das Bild hat Julian gemalt

Ich konnte mir das Elend der Mäusefamilie nicht länger ansehen. Da mußte es wohl einen Rat geben? Ich wollte meine Mutter fragen. Das sagte ich auch der Mäusemutter, rollte dann meine silberne Murmel aus dem Mauseloch und schlüpfte selbst hinaus. "Gut, daß wir keine Katze haben," dachte ich und rannte schnell über den Teppich zurück zum Meßbecher mit dem Zauberpulver. Oh, wie sollte ich jemals an das Zauberpulver herankommen, das tief unten im Becher war? Ich konnte noch nicht einmal über den Rand des Meßbechers greifen. Hilflos stand ich davor, bemerkte aber dann, daß einige Krümchen Zaubersalz neben den Meßbecher gefallen waren. ... sollte das ausreichen? Es kam auf einen Versuch an! Ich nahm das Zaubersalz in die Hand, rieb es zwischen Daumen und Zeigefinger und streute es über mich. Tatsächlich, ich wurde wieder größer und größer  und war bald wieder so groß wie zuvor. "Für das nächste Mal werde ich mir etwas anderes ausdenken", beschloß ich und ging zu meiner Mutter.
Sie wollte mir zunächst nicht glauben und schickte mich fort, aber als ich das Zauberpulver holte und mich vor ihren Augen ganz ganz klein zauberte, blieb ihr vor lauter Staunen der Mund offen stehen. "Ob das auch mit Erwachsenen geht?" Sie wollte es selbst gleich ausprobieren, aber ich bat sie, erstmal in mein Zimmer zu gehen und mich mitzunehmen. "Der Weg wird uns sonst zu lang," sagte ich. So machten wir es dann auch. Vorher füllte meine Mutter das Zauberpulver in ein kleineres Gefäß. Schließlich mußten wir es auch später noch  erreichen können. Nun wurde es spannend. Meine Mutter streute Zauberpulver über sich und wurde fast so klein wie ich es war. Zusammen gingen wir in das Mauseloch. Die Maus mit dem kranken Kind wartete schon auf mich, erschrak aber, als ich meine Mutter mitbrachte. "Du mußt keine Angst haben," sagte ich, "meine Mutter wird versuchen, Dir zu helfen!" Als meine Mutter jedoch hörte, daß das kleine Mäusekind schon so viele Tage Fieber gehabt hatte, meinte sie: "Wir müssen einen Arzt holen, allein können wir bestimmt nichts tun!"

Also ging es wieder hinaus aus dem Mausloch. Wir zauberten uns wieder groß und fuhren zum Arzt. "Na, was hat denn der Kleine," fragte dieser und zeigte auf mich. "Na, nichts," sagte meine Mutter, "was wir zu sagen haben, besprechen wir  besser im Arztzimmer!" Der Arzt machte zunächst ein ganz gespanntes Gesicht, fing aber dann zu lachen an, als wir unsere Geschichte erzählten. Ich holte mein Zauberpulver aus der Tasche und streute es über seinen Kopf. "Laß das, Du Lümmel", sagte er gerade noch, aber da schrumpfte er auch schon. Ganz verloren saß er auf seinem Chefsessel. In diesem Moment kam gerade die Helferin ins Zimmer, die ein Tablett mit verschiedenen Arztwerkzeugen bringen wollte. Als sie ihren Chef so sah, ließ sie vor Schreck das Tablett fallen, das mit lautem Gepolter auf den Boden fiel.
Der Arzt wollte etwas sagen, aber seine Stimme war sehr leise geworden, so daß ich mein Ohr ganz dicht an seinen Mund halten mußte. Natürlich wollte er wieder seine ursprüngliche Größe erhalten, aber ich sagte ihm, dass das nur möglich wäre, wenn er uns vorher helfen würde. Ich erzählte ihm von der kranken Maus. "Sie müssen mitkommen und die Maus untersuchen," sagte ich, "Sie können bestimmt helfen!" Er versprach, mitzukommen und alles zu versuchen, aber zuerst brauchte er seine Arzttasche, die im Nebenzimmer war. Meine Mutter holte diese Tasche. Behutsam setzten wir den Arzt hinein und machten uns auf den Weg zurück in unser Haus. In meinem Zimmer zauberten meine Mutter und ich uns auch klein und gingen zusammen mit dem Arzt hinein in das Mauseloch. "Ich brauche meine Arzttasche," sagte der Arzt, "kannst Du die auch so klein machen, dass sie hier hineinpaßt?" "Das will ich versuchen," sagte ich,  ging  hinaus und streute etwas Zauberpulver auf die Tasche. Tatsächlich, sie wurde so klein wie eine Spielzeugtasche und ich brachte sie gleich hinein zum Arzt. Der stellte nun die notwendigen Untersuchungen an. Er hatte auch gleich die richtige Medizin in seiner Tasche. "Davon dreimal am Tag drei Tropfen," sagte er, dann wird es dem kleinen Mäuserich bald besser gehen. Die große Maus weinte wieder, aber diesmal vor Freude. "Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll", sagte sie. "Es reicht schon, wenn ich bald wieder meine richtige Größe erreiche", sagte der Arzt, "es warten noch viele Patienten auf mich!"
"Nichts leichter als das!" Schnell gingen wir vor das Mauseloch, und ich streute Zauberpulver auf den Arzt, der ganz schnell wieder seine richtige Größe hatte. Er konnte es kaum glauben, immer wieder befühlte er sich und murmelte etwas dabei. Ich zauberte meine Mutter wieder groß und mich selbst... dann war das Zaubersalz alle! "Wie gut, dass es für uns alle gereicht hat," dachte ich noch, da fiel mein Blick auf die Arzttasche, die immer noch so klein war wie eben. "Das mit der Tasche macht nichts," sagte der Arzt, "ich habe noch eine Reservetasche! Wenn Du wieder neues Zauberpulver gemacht hast, kannst Du sie wieder in die richtige Größe verwandeln und mir bringen."
In diesem Moment hörten wir, dass unten die Haustür geöffnet wurde. "Hallo, ich bin es," rief mein Vater, der von der Arbeit kam, "ist jemand krank, oder was macht der Arzt bei uns?"   Wir lachten nur, er hätte uns die Geschichte wohl doch nicht geglaubt. "Nein nein, alles in bester Ordnung," sagte meine Mutter.

Am nächsten Tag machte ich neues Zaubersalz. Schließlich wollte ich doch sehen, ob das kleine Mäusekind wieder gesund wurde. Tatsächlich, als ich in das Mauseloch kam, machte es schon einen sehr vergnügten Eindruck... und seine Mutter erst!
Von nun an besuchte ich die Mäusefamilie recht häufig. Ich spielte mit dem kleine Mäusejungen ... und  wir hatten uns viel zu erzählen.


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Die Arzttasche habe ich natürlich auch wieder groß gezaubert!

 

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